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Zur Aufführungspraxis

Stefan Engels

Die Quellen des hohen und späten Mittelalters aus Salzburg überliefern uns die Melodien in der Regel einstimmig und ohne genaue rhythmische Angaben. So sind die geistlichen Lieder mit Ausnahme des Tischsegens G 42 in D unmensuriert aufgeschrieben, wie man an der Abbildung » Abb. Maria, keusche muter erkennen kann: Das Stück ist in Gotischer Choralnotation auf vier roten Linien notiert. Nur an einigen Stellen zeigen Doppelnoten eine längere Tondauer an. Die schriftlos überlieferten Gepflogenheiten, die damals den Rhythmus und den Klang der Gesänge festlegten, sind heute verloren und können nur indirekt erschlossen werden. Daher müssen alle Gesänge zunächst bearbeitet werden, bevor man sie singen kann. Dies bewirkt, dass heute die gleichen Gesänge von verschiedenen Ensembles völlig unterschiedlich interpretiert werden können. Dies betrifft sowohl die Besetzung (solistisch, chorisch, Männer-, Frauen- oder Kinderstimmen, Einsatz von Instrumenten) als auch Rhythmus, Tempo und Dynamik der Stücke. Wie man Gesänge verwirklichte, hing von den vorhandenen Möglichkeiten ab. Einstimmige Melodien können in parallelen Oktaven, Quinten oder Quarten gesungen werden. Borduntöne (Liegetöne) können den Gesang stützen, ähnlich wie bei einer Drehleier oder einem Dudelsack. Schließlich kann – etwa an hohen Festtagen – auch improvisatorisch eine zweite Stimme hinzugefügt werden, vor allem, wenn es sich um einen solistischen Vortrag handelt. Im Vordergrund steht jedoch stets die Textdeklamation, die letztlich auch die Metrik bestimmt. So könnte eine Lösung, das unmensurierte Maria, keusche muter zart textdeklamatorisch sinnvoll wiederzugeben, folgendermaßen lauten:

 

 

In diesem Fall wird das Lied am ehesten solistisch vorzutragen sein, vielleicht unter Zuhilfenahme eines chorischen oder instrumentalen Borduns. Der Hymnus Von anegeng der sunne klar hingegen eignet sich eher für eine chorische Interpretation. Fasst man ihn als Gesang auf, der für den Gottesdienst bestimmt war, wird man auf Instrumente verzichten. Ansonsten sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Man kann im Grunde nichts „falsch“ machen. Die geistlichen Gesänge des Mönchs sind es jedenfalls wert, oft zum Erklingen gebracht zu werden.