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Das Alleluja Christe nate patris

David Merlin

Auf S. 184 der Handschrift » A-M Cod. 937 befindet sich das Alleluja Christe nate patris.[76] Am oberen Rand wurde von einer etwas späteren Hand folgende Notiz niedergeschrieben: „Si placet ponatur sub melodia alleluia Christe nate patris Largus erat olim pater orphanorum larga dei virtus salvet nos per illum.” Dies kann folgendermaßen übersetzt werden: „Nach Beliebigkeit auf die Melodie [des] Alleluja Christe nate patris  [den Text] singen: Largus erat olim usw.“ Diese Anmerkung enthält den Hinweis für die Hinzufügung einiger Worte, die auf der Akklamation gesungen werden sollen. Es handelt sich um einen textlichen Tropus: eine Alleluja-Prosula. Der Text des Tropus besteht aus einem Vierzeiler sechssilbiger Verse. Durch die Anfangsbuchstaben der ersten neun Wörter entsteht das Akrostichon LEOPOLDVS. Die Anzahl an Silben ist um einiges höher als diejenige der Noten des Jubilus (Endmelisma der Akklamation) – Es müssen die Noten der Kadenz (alleluia) einbezogen werden. Im Notenbeispiel wird ein Rekonstruktionsversuch dargeboten (» Notenbsp. Christe nate patris)

 

Obwohl der Text Largus erat olim ein sehr besonderer ist, ist er kein Einzelfall. Im Rahmen des Stundengebets und der Messe taucht er noch ein weiteres Mal auf, nämlich als Allelujavers im allerersten Druck mit liturgischen Formularen zu Ehren des hl. Leopold: dem der Inkunabelforschung nach in Wien vom Drucker der Historiae von S. Rochus um das Jahr 1485 gedruckten Officium sancti Leopoldi Marchionis. Sowohl als Tropus als auch als Allelujavers ist Largus erat olim nur einmal in den Quellen zu finden: Es handelt sich also hier um zwei unica. Zudem sei noch der Besonderheit Aufmerksamkeit geschenkt, dass der Text in beiden Fällen in Zusammenhang mit dem Alleluja erscheint; allerdings mit einer unterschiedlichen Funktion: einerseits als strukturelles Glied – der Allelujavers kann nicht weggelassen werden –, andererseits als ein fakultatives, zugefügtes Element. Schließlich zeichnet sich der Tropus Largus erat olim durch seine Entstehungszeit aus: Er beweist das Überleben eines typisch mittelalterlichen Phänomens, die Tropierung, im österreichischen Raum noch an der Schwelle zum 16. Jahrundert.

[76] Das Alleluja Christe nate patris befindet sich auch im Druck » Incipit hystoria de sancto Leopoldo (» Abb. Gedruckte liturgische Formulare zu Leopold), fol. 20v, und im » Graduale Pataviense (Wien: Winterburger 1511), fol. 139v (Faksimile-Ausgabe: Väterlein 1982). Diese Melodie weist eine interessante Form auf, bei der die strukturellen Noten F und c hervorgehoben werden. Für eine Analyse der Melodie siehe Merlin 2011, 225–228. Beide Alleluja zu Ehren Leopolds, Christe nate patris und Gaudeat ergo terra Austriae, sind in Schlager 1987 auf S. 110 bzw. 186 ediert (Kommentar auf S. 611 bzw. 646).