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Schlaglicht: Kulturgeschichte, Kulturwissenschaft und Musikgeschichte

Reinhard Strohm

Kulturgeschichte ist einerseits die geschichtsschreibende und auf historische Quellen konzentrierte Branche der Kulturwissenschaft. Andererseits ist Kulturgeschichte eine Richtung innerhalb der Geschichtsforschung, die deren Quellentypen, Fragestellungen und Methoden zu erweitern sucht. Dieser Januscharakter ist keine Besonderheit, sondern typisch für die Strukturen wissenschaftlicher Organisation. „Kulturwissenschaft“ (oder „Kulturwissenschaften“) wird auch als Sammelbegriff für bloße Konglomerate traditioneller Humanwissenschaften gebraucht. Demgegenüber erscheint der Nachweis gemeinsamer und eindeutiger Methoden und Fragestellungen als vorrangige Aufgabe der heutigen Kulturwissenschaft.

Kulturwissenschaft lässt sich allerdings nicht wie andere Forschungszweige als umgrenzbares Feld darstellen, sondern ist eher ein Katalysator, der sich in verschiedene Disziplinen drängt oder sie überlagert, sie beeinflusst und dabei sich selbst verändert. Diese dynamische Konzeption – eine Herausforderung an die Forschung – kommt aus dem historischen Kontext der wissenschaftlichen Paradigmenwechsel oder „turns“, die sich in den letzten 50 Jahren immer rascher überlagert und gegenseitig verdrängt haben. Kulturwissenschaft wurde in ihren verschiedenen Phasen je anders praktiziert und theoretisiert, so wie der Kulturbegriff selbst einem starken Wandel ausgesetzt war.  Der „cultural turn“, der dies bewusst machte, war besonders um 1960-1990 für die Art der Kulturgeschichte ausschlaggebend, die seitdem mancherorts „new cultural history“ genannt wird.

Kulturgeschichte tendiert erstens dazu, die schon seit Herder bekannte Vorstellung eines virtuell gemeinsamen Kulturschicksals der Menschen und Völker auf alle Lebensbereiche auszudehnen, besonders auf diejenigen „unterhalb“ der sogenannten Hochkultur, vor allem die sogenannte Volkskultur. „New cultural history“ erforscht jetzt neben Politik, Kunst, Sozialgeschichte und Wirtschaftsgeschichte z. B. auch Alltag, materielle Kultur, Religion, Magie und Mythos, Ritual und Spiel, Körper, Geschlecht, Krankheit und Tod, Lokalität („spatial turn“), Identität, Zeit- und Raumbewusstsein, das „kulturelle Gedächtnis“ sowie, von Semiotik beeinflusst, die Vermittlungsfunktion und Veränderbarkeit von Zeichen und Symbolen. Angesichts solcher Verallgemeinerung bzw. Verdünnung seines Anspruchs wird dem  „cultural turn“ denn auch inzwischen das Ende prophezeit. Und wo Kultur als universaler „Text“ dargestellt wird (Texttheorie), verstärkt sich die dem „linguistic turn“ entstammende Kritik, es handele sich nicht um eine eigene neue Sache, sondern nur um ein neues Sprachspiel.

Zweitens schlägt „new cultural history“ Brücken zu Ethnologie, Anthropologie, Demographie, Religionswissenschaft und anderen wissenschaftlichen Fachrichtungen, die feldforschende Methoden bevorzugen und mit Alternativen zur europäisch-abendländischen Tradition konfrontiert sind. Dies bringt methodisch wie inhaltlich die Phänomene von „Anderssein“ und „Differenz“ ins Spiel. Der Zweig der „cultural studies“ sucht Alternativen zu „hegemonialen“ Diskursen, besonders im Bereich des politischen Lebens, der Sozialtheorie und der Medienkultur. Die „Mentalitätsgeschichte“, die sich auf Johan Huizinga und die Annales-Schule beruft, erforscht Denk- und Empfindungsformen, die den Institutionen und Praxen der Vergangenheit als Tiefenstruktur unterliegen, womit heutiges Wissen um eine ganze Dimension bereichert werden soll. Hier kann Kulturgeschichte ihren Kritikern bedeutende Leistungen entgegenhalten.  

In der historischen Musikwissenschaft, wie in der Geschichtsforschung überhaupt, tritt anstelle des Dialogs, der Ermittlung einer „ethnographischen Gegenwart“, unvermeidbar die Interpretation bzw. Rekonstruktion der Vergangenheit. Die Herausforderung musikalischer Kulturgeschichte besteht darin, dass sie auch im nicht-verbalen Medium der Musik (und nicht nur in deren verbalen Diskursen) die Denk- und Empfindungsformen, die Alternativkonzepte und die Vermittlungswege vergangener Kulturen bewusst machen soll. Auch die Aufführungen alter Musik sind fast täglich vor entsprechende Aufgaben gestellt.

 
Empfohlene Zitierweise:
Strohm, Reinhard: „Schlaglicht: Kulturgeschichte, Kulturwissenschaft und Musikgeschichte“, in: Musikleben des Spätmittelalters in der Region Österreich, <https://musical-life.net/kapitel/schlaglicht-kulturgeschichte-kulturwissenschaft-und-musikgeschichte> (2016).