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Ferrara

Reinhard Strohm

Am 18. September 1472 schrieb „Nicolaus cantor, organista et capellanus“ in Brixen einen heute noch erhaltenen lateinischen Brief an Ercole I. d’Este, Herzog von Ferrara, in dem er seinen Besuch in Ferrara ankündigt und bedauert, wegen der verspäteten Ankunft seines eigenen Herrn, Herzog Siegmunds, aus Konstanz nicht früher reisen zu können.[16] Mit Sicherheit ist der Schreiber dieses Briefes Nicolaus Krombsdorfer, der sich um diese Zeit hauptsächlich in Brixen aufhielt. Aber was hatte er mit dem Adressaten zu tun? Der Inhalt des Briefes setzt voraus, dass es sich um eine verabredete Reise handelte und dass Krombsdorfer mit Herzog Ercole I. zumindest brieflich bekannt war. Nun erwähnen die Hofrechnungen von Ferrara schon seit 1436 einen „Niccolò Tedesco cantor et pulsator“ (Sänger und Instrumentalist), dessen Kunst bewundert wurde. Drei verschiedenen Fürsten der Este-Dynastie (Marchese Niccolò III. bis 1441, Marchese Leonello 1441–1450, Duca Borso d’Este 1450–1471) diente Niccolò Tedesco als „cantor et pulsator“. In den Hofrechnungen ist er der einzige, der explizit als Instrumentalist (Laute, Orgel?) und zugleich als Sänger charakterisiert wird – obwohl diese Qualifizierung auch auf einige seiner Kollegen in Ferrara zutrifft, etwa den hochberühmten Pietrobono „dal Chitarrino“. Niccolò reiste zum Zweck der Rekrutierung anderer Musiker, vor allem Instrumentalisten, bereits im November 1436 nach Basel (zum Konzil?) und 1441 zweimal nach „Alemagna“.[17] Er hatte Umgang mit vielen anderen Hofmusikern, so 1450 mit dem damals noch am Hofe weilenden „Johannes ab arpa de anglia“ (John Bedyngham?), dem er Geld geliehen hat.[18] Im Jahre 1460 schrieb er auf Verlangen an Marchese Lodovico Gonzaga von Mantua, um einen (auch sonst bekannten) Giovanni Brith zu empfehlen, der in Ferrara mit dem Vortrag von Liedern in venezianischer Manier (aëre veneziano) geglänzt hatte.[19]

[16] Lockwood 1984, 156 und 161; Strohm 1993519–520.

[17] Lockwood 1984, 47, 97, 317–318. Ein Dokument aus Ferrara nennt ihn “de Basilea”, was auf einer Verwechslung mit der Reise nach Basel beruhen mag oder seine tatsächliche Herkunft anzeigen könnte: Allerdings wird er in Innsbrucker Quellen nie so bezeichnet.

[18] Lockwood 1984, 50.

[19] Vgl. Strohm 1993, 545.